Betrachtet man das Panorama der zeitgenössischen Kunst, so erscheint dort Maciej Bernhardt als einer der herausragendsten Vertreter des Fotorealismus. Schon in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, als er als frisch gebackener Absolvent der Krakauer Akademie der Schönen Künste an dem Landeskunstfestival „Der künstlerische Fakt und die Wirklichkeit1 teilnahm, wurden seine Bilder von der Kunstkritik bemerkt und ausgezeichnet.  Im Vergleich zu den bescheidenen Produkten der damaligen Kunst in Polen, die entweder von der Ideologie des realen Sozialismus oder vom metaphorischen Widerstand gegenüber dieser Ideologie inspiriert wurden, stellten Bernhardts meisterhaft gemalte Bilder eine neue Qualität dar. Die Aufmerksamkeit der Betrachter lenkten sie auf sich dank der Reife der künstlerischen Form und einer breiten Palette der innewohnenden Bedeutungen, die kühn in die Sphäre von schwer verbalisierbaren Emotionen eindrangen. Die Richtigkeit der Botschaften, die die Bilder in sich bargen, und die Unabhängigkeit gegenüber den damals festgefahrenen Denk- und Wahrnehmungsklischees lässt sich aus heutiger Perspektive nur mit den interessantesten Werken der kritischen Kunst vergleichen.

  In den Bildern von Bernhardt, die durch ihre künstlerische Frische überraschten, bemerkte die Kunstkritik zuerst eine Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Hyperrealismus, was insofern begründet war, als bei Bernhardt genauso wie in den amerikanischen Werken die Art und Weise der Abbildung der Welt, die sich auf das technische Medium der Fotografie bezog, im Vordergrund stand. Ähnlich war auch die in der Pop-Art verwurzelte Tendenz, die Aufmerksamkeit auf die Welt der real existierenden Gegenstände zu konzentrieren, was eine Art Gegengewicht zu der Einseitigkeit der Wirkung der damals überaus einflussreichen Kunstrichtungen der Minimal-Art und des Konzeptualismus darstellte. Einem aufmerksameren Betrachter und einem sachkundigen Analytiker enthüllten diese Bilder auch Unterschiede. Während für den Hyperrealismus die Frage der objektiv verstandenen optischen Wirklichkeit am wichtigsten war, die als eine Methode der künstlerischen Gestaltung und zugleich als eine Frage der Übereinstimmung mit der optischen Realität der wiedergegebenen Gegenstände galt, so zählten für den breiter verstandenen Fotorealismus, einer Kunstrichtung, zu dem die Werke von Maciej Bernhardt gehören, auch mentale Aspekte und Assoziationen, die gegenüber der Qualitätsinterpretation anfällig und mit der bildhaften Darstellung verbunden waren.

Der Hyperrealismus versuchte eine kühle Distanz gegenüber der dargestellten Wirklichkeit zu wahren und die charakteristischen Eigenschaften der individuellen Fähigkeiten des Malers zu verwischen. Er bemühte sich den Eindruck einer vollkommenen Distanz zu erwecken, eines objektivierten und quasi wissenschaftlichen Herangehens an die mechanisch abgebildeten Gegenstände, was den Effekt einer an Ironie grenzenden existenzialistischen Atmosphäre entstehen ließ. Als Beispiel dafür kann man die überdimensional dargestellten und naturalistisch geschärften Details des menschlichen Gesichts in den von Chuck Close gemalten Porträts anführen oder die bewusst ausgeschnittenen Abbildungen von Autos in den Bildern von Don Eddy oder Ralph Goings und auch die kühlen Darstellungen der urbanen Architektur von Richard Estes. Der Fotorealismus dagegen mied nicht die ästhetischen Werte und bemühte sich eine humanistische Wärme seiner Darstellungen beizubehalten. Man kann behaupten, dass er bewusst das Ziel verfolgte, die Fotografie zu humanisieren und das automatische, anonyme Abbilden in eine geistige und vor Leben pulsierende Materie des gemalten Bildes zu verwandeln.

            Auf den grundlegenden Unterschied zwischen dem Hyperrealismus und dem Fotorealismus wies Louis K. Meisel, der hervorragende Kenner dieses Themas, in seinem monumentalen Werk unter dem Titel„Fotorealismus. Die Malerei des Augenblicks.“ hin. Er schrieb, dass die beiden Kunstrichtungen die Priorität der Darstellung unterstrichen, sich aber durch einer Reihe von wichtigen Merkmalen unterschieden, wie z.B. durch das Behandeln der Bildfläche, das Verhältnis zu den ästhetischen Werten und einer breit verstandenen Tradition der realistischen Malerei. Meisel erinnerte auch: „Ein großer Verdienst des Fotorealismus ist die Rückführung des handwerklichen Könnens in die gegenwärtige Kunst. Die meisten Fotorealisten sagen, dass sie während ihres Studiums nicht in den Techniken und Methoden, die sie später einsetzten, unterwiesen wurden. Es wurden lediglich abstrakte Theorien, diverse Methoden zum Auftragen der Farbe auf die Leinwand unterrichtet. Die meisten Realisten lernten alles über die aktuellen Theorien und Methoden, aber als sie ihren eigenen Weg beschritten, mussten sie die Maltechniken, die sie heute verwenden, neu erfinden oder neu entdecken. Früher oder später wandten sie sich alle der Kamera als Hilfsmittel“zu. Die Virtuosität der Bilder von Maciej Bernhardt, die manchmal die künstlerische qualitas nach dem Maßstab alter Meister erreichen, bestätigt die Tendenz, nach der dem handwerklichen Können und der Fähigkeit einer manuellen Ausführung wieder ein großer Wert zugeschrieben wurde.

Interessant ist auch die Tatsache, dass Meisel im Gegensatz zu dem, was in populären Abhandlungen festgelegt wurde, auf andere Quellen und eine unterschiedliche Herkunft des Fotorealismus und des Hyperrealismus hinweist. Er ist zwar mit der These von der Abhängigkeit des Hyperrealismus von der Pop-Art einverstanden, leitet jedoch den Fotorealismus, ähnlich wie den Konzeptualismus und die Prozesskunst aus dem abstrakten Expressionismus her, in dem das schöpferische Element alle offenen, mannigfaltigen und direkten Versuche rechtfertigte, d.h. auch ästhetische Experimente, die mit dem manuellen Prozess des Malens und einer illusorischen Behandlung der Bildfläche verbunden waren.

In der europäischen Malerei begann das Abweichen von den Grundsätzen und Einschränkungen der realistischen Kunst schon zu Zeiten von Cézanne und den französischen Impressionisten. Von dieser Zeit an spricht man über moderne Kunst. Innerhalb der darauffolgenden hundert Jahre entstanden ständig neue Ideen, Trends und Kunstrichtungen – bis zu den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Minimalisten, die Konzeptualisten und Schöpfer von environement das Ende einer  sich der Palette bedienenden Malerei verkündeten. Auf diese Weise befreiten sich die Künstler von dem Joch der letzten Regel der Malkunst, d.h. von der Notwendigkeit, Farbe auf die Leinwand aufzutragen. Gleichzeitig begann das Paradoxon der absoluten Freiheit zu wirken. Wenn also die Künstler alles tun dürfen, und alles, was sie tun als Kunst bezeichnen dürfen, so dürfen sie auch Farbe auf die Leinwand auftragen. Sie dürfen das auf eine beliebige Art und Weise, nach einer beliebigen Methode und unter Verwendung beliebiger technischer Mittel tun. Die Fotorealisten nahmen diese Möglichkeit in Anspruch und nutzten sie in jeder Hinsicht, indem sie auch von  der Fotografie effektiv Gebrauch machten. Die Verwendung der Fotografie im Malprozess ist mit zahlreichen Konsequenzen verbunden. Es sind auch Konsequenzen philosophischer Natur, die mit der Ontologie des künstlerischen Prozesses verbunden sind. Die Fotografie ändert grundlegend die Anfangsphase dieses Prozesses und ermöglicht, die für das Bild ausschlaggebenden Entscheidungen noch vor dem Beginn des eigentlichen Malens zu treffen. Dank der Verwendung von Fotografie kann sich der Künstler effektiver auf das Problem der eigentlichen künstlerischen Darstellung konzentrieren, ohne Zeit für Überlegungen bezüglich der Komposition, der Farbzusammenstellung und der symbolischen Bedeutungen des Bildes zu verlieren, denn all das wurde schon bei der Wahl eines bestimmten Fotos oder, wie das im Oeuvre von Maciej Bernhardt der Fall ist, bei dessen individuellem Arrangement und individueller Ausführung entschieden. Interessant ist auch die Tatsache, dass die Fotorealisten ihre Bilder während des Malens äußerst selten aufgeben oder gar vernichten, weil sie sie für missraten halten, was im Falle der abstrakten Malerei äußerst häufig passiert. Der Grund dafür ist einfach: der Fotorealist weiß genau, wie das fertige Bild aussehen soll, und arbeitet daran sehr lange, manchmal ein paar oder mehrere Monate, so lange bis das Bild seinen Vorstellungen und Erwartungen entspricht. Die Bilder von Maciej Bernhardt zählen zu der modernen Kunstrichtung der fotorealistischen Malerei, behalten dabei jedoch die individuellen mit der Persönlichkeit und dem Temperament des Künstlers verbundenen Eigenschaften, wie seine Sensibilität und Erfahrung, bei. Im Gegensatz zu den Werken des amerikanischen Hyperrealismus stellen die Bilder von Maciej Bernhardt nicht nur optische „Schnappschüsse” der Wirklichkeit dar, die etwas Zufälliges und im Grunde genommen Unwesentliches darstellen, sondern sind eine harmonisch komponierte, formell-inhaltliche Einheit, deren edle Materie, reiche Struktur und vielschichtige Semantik dazu beitragen, dass wir es mit erstklassigen Kunstwerken zu tun haben. Wertvolle Kunstgegenstände gehören immer der Kategorie der Symbole an und genauso wie die Symbole geben sie Denkanstöße, indem sie tiefer verborgene Sinnschichten der menschlichen Welt enthüllen. Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass die Wichtigkeit und Bedeutung der Bilder von Bernhardt am Anfang des künstlerischen Weges des Künstlers erkannt wurden. Es ist nicht verwunderlich, denn schon damals rechnete er mit seiner Vorstellungskraft und Determiniertheit und auf seine Art und Weise mit dem grauen Alltag des realen Sozialismus ab. Der Bilderzyklus mit politischen Konnotationen ist nur einer von vielen Zyklen des Künstlers. Neben ihm und auch später entstanden andere Serien (z. B. Sanktuarien), die sich eher auf metaphysische Fragestellungen konzentrierten, die geistige Konzentration und maximale Intensität der Darstellung erforderten.

 In der präsentierten Ausstellung können wir Werke des Künstlers aus seiner früheren Schaffensperiode sehen; es sind Bilder, die die ständig wiederkehrenden Motive des Traumes von einer besseren Wirklichkeit beinhalten: Porträts schöner Models in bunten Overalls, glänzenden Lederjacken, Kunststoffmänteln und andere Elemente des „Pewex“4 Glanzes, von dem die Druchschnittsbürger  der Volksrepublik Polen nur träumen und sie lediglich in den Vitrinen der Geschäfte für parteiliche Würdenträger oder in den aus dem Westen geschmuggelten Zeitschriften bewundern konnten. Die Bedeutung dieser Bilder wurde von der damaligen Kritik richtig entschlüsselt: Man sah in ihnen die einfache, menschliche Sehnsucht nach einer anderen, wunderbaren Welt, nach dem Märchenland des westlichen Paradieses und Luxus. In der Ausstellung befinden sich auch Bilder des späteren Zyklus des Metaphorischen Fotorealismus, wie z.B. „Das Tor”, „Mülltonnen“, „Red Model” „Mädchen mit dem Koffer”, die eine Art aktuellen Kommentar zu den Ereignissen der damaligen Zeit darstellen, eine künstlerische Dokumentation und eine Aufzeichnung des Bewusstseinszustandes und der Emotionen des Künstlers. Das Tor, das hoffnungslos nirgendwo hinführt, eine aufdringliche Realität der Mülltonne, die Fesselung des menschlichen Individuums durch das Regime der roten Ideologie und nicht zuletzt der desperate Gedanke, die bedrückende Wirklichkeit für immer zu verlassen.

Eine Art Fortsetzung und auch Annex zu der Semantik der frühesten Bilder sind neuere Arbeiten aus dem Zyklus Parallel Dreams, die die sog. „mediale Wirklichkeit“  penetrieren. Ausgewählte Fotoausschnitte aus den Illustrierten, Teile von Werbungsausschnitten, Gadgets, Materialien, Räume mit einer gestörten Strukturlogik – all das ist eine verständliche Allegorie auf die heutige Fragmentierung der menschlichen Welt, das Verschwinden der Bedeutungshierarchie und auf eine mühsam gebastelte Illusion vom Glück in einer Gesellschaft der Konsumerfüllung. Durch die richtige Wahl und die Zusammenstellung von Fotoausschnitten nach der Collage-Technik, z.B. durch das Ausschneiden der Figuren aus ihrem Hintergrund, einen Schnitt in der Mitte des Gesichts oder des Kopfes oder durch das vollständige Ausschneiden der Köpfe erreichte der Künstler eine neue Qualität der Darstellung, eine Atmosphäre surrealistischer Absurdität und Entfremdung. Die in diesen Bildern dargestellte Welt ist eine nicht-menschliche Welt, sie ist eine Realität der nebeneinander existierenden Individuen ohne Hoffnung und Chance auf ein gegenseitiges Verstehen. Jede dieser menschlichen Figuren träumt ihre existenzielle Geschichte getrennt und parallel, gleichzeitig und autonom. Es gibt wohl keine tiefere und eingehendere Analyse der modernen globalen Gemeinschaft.

 Die fotorealistischen Bilder von Maciej Bernhardt sind eine ungewöhnliche Erscheinung in der polnischen und internationalen Kunst. Die modernen Darstellungen bewahren Respekt vor der traditionellen Meisterschaft. Sie sind offen für eine Vielfalt von möglichen Bedeutungen und bauen ihre Semantik auf der Intensität des ästhetischen Empfindens. Vor dem Hintergrund der sich verstärkenden postdadaistischen und postkonzeptuellen Tendenzen, die danach streben, den Sinn der Malerei in Frage zu stellen, bedeuten diese Bilder ein starkes Argument zugunsten des ständig aktuellen und noch lange nicht erschöpften Wertes der Malerei.

Dr. habil. Franciszek Chmielowski

Professor der Jagiellonen Universität in Krakau